Für eine Schweiz der Ursprünge, des Eides und der gemeinsamen Verantwortung
Rütliwiese, 01.08.2026 — Ansprache von Bundespräsident Guy Parmelin Vorsteher des Eidgenössischen Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) anlässlich des Nationalfeiertags 2026 Rütliwiese, Samstag, 1. August 2026
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger
Liebe Gäste
Liebe Besucher
Meine Damen und Herren
Es gibt Orte, an denen wir unsere Worte mit Sorgfalt und Bescheidenheit wählen müssen. Das Rütli ist ein solcher Ort. Ein symbolträchtiger Ort. Ein besonderer Ort.
Auf das Rütli kommt man nicht, um eine Rede zu halten, die den Lärm der Welt nur noch lauter macht. Man kommt, um zu zuhören. Um zu hören, was uns dieser Ort noch heute zu sagen hat.
Heute tun wir das hier unter dem Motto «Kleidersprachen».
Der Anlass dazu ist das 100-Jahre-Jubiläum der Schweizerischen Trachtenvereinigung. Anfang Juni war ich bereits beim Trachtenchorfest in Sursee und habe dort dieses Jubiläum ausführlich gewürdigt.
Kleidung ist eine Sprache. Sie erzählt etwas über unsere Herkunft und unsere Zugehörigkeit. Über unsere Haltung und unsere Identität. Manchmal auch über unseren Beruf, unsere Gemeinschaft oder unsere Überzeugungen.
Eine Tracht erzählt eine andere Geschichte als ein Sari. Ein Pfadihemd eine andere als eine Uniform oder ein Berufskleid.
Aber sie haben etwas gemeinsam: Sie machen sichtbar, wer wir sind, woher wir kommen oder wozu wir uns zugehörig fühlen.
Die Schweiz kennt viele solcher Kleidersprachen. So wie sie viele Landessprachen, Regionen, Traditionen und Lebensweisen kennt. Diese Vielfalt trennt uns nicht. Sie gehört zu uns. Sie ist Teil unserer Identität.
Dass wir diese Vielfalt heute gemeinsam mit der Schweizerischen Trachtenvereinigung feiern, passt deshalb besonders gut. Seit hundert Jahren pflegt sie Traditionen, die weit mehr sind als schöne Stoffe, Farben und Muster. Trachten erzählen von Regionen und Gemeinschaften, von Geschichte und Heimat. Und sie zeigen zugleich: Tradition bleibt lebendig, wenn Menschen sie tragen – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.
Auch das Rütli erzählt eine Geschichte von Herkunft und Zugehörigkeit.
Es erzählt uns von einem Land, dessen Ordnung nicht von oben bestimmt wurde. Es erzählt von freien Menschen, die sich entschieden haben, ihren Weg gemeinsam zu gehen. Es erzählt von einem Bündnis, von gegebenem Wort, von Vertrauen und Mut. Es erinnert uns daran: Die Schweiz war nie wegen ihrer Grösse gross. Ihre Stärke lag immer in ihrem Willen, das eigene Schicksal selbst zu bestimmen.
Dieser Gedanke bewegt mich, an diesem Nationalfeiertag drei Überzeugungen mit Ihnen zu teilen.
Meine erste Überzeugung: Die Schweiz ist stark, weil sie auf einem festen Fundament steht.
Das Rütli ist kein Palast. Es ist keine Festung. Es ist kein Ort der Herrschaft. Es ist eine einfache Wiese.
Und genau das sagt viel über unser Land aus.
La Suisse s’est construite dans ses vallées, dans ses villages, ses cantons, ses familles, ses métiers, fédéré par l’esprit de milice et les engagements concrets. Chez nous, le peuple n’est pas en marge de l’histoire : il est en son centre.
Dans les temps difficiles que nous vivons, cette identité compte plus que jamais. Nous traversons les catastrophes, les tensions économiques, les crises internationales à répétition, mais nous tenons bon, car la Suisse ne repose pas sur un seul homme, ni sur une seule institution.
Sie ruht auf Millionen von Menschen, die jeden Tag Verantwortung übernehmen. Ohne grosses Aufsehen. Aber mit grosser Wirkung.
Meine zweite Überzeugung: Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit. Freiheit ist auch nicht bequem. Freiheit ist anspruchsvoll. Freiheit verlangt Mut, Arbeit und Mass.
Freiheit braucht gesunde öffentliche Finanzen. Eine starke Wirtschaft. Eine lebendige Landwirtschaft. Eine glaubwürdige Armee. Gute Schulen, die Menschen zu selbstständigem Denken befähigen. Eine unabhängige Diplomatie. Und Bürgerinnen und Bürger, die bereit sind sich zu engagieren.
Frei zu sein bedeutet nicht nur, Nein sagen zu können.
Freiheit bedeutet in erster Linie, etwas aufzubauen. Verantwortung zu übernehmen. Und die Pflichten zu akzeptieren, die mit unseren Rechten verbunden sind.
Ein Land wird nicht automatisch von einer Generation an die nächste weitergegeben. Jede Generation muss ihren Beitrag leisten. Wir müssen unser Land schützen. Wir müssen es gestalten und wir müssen ihm dienen.
Meine dritte Überzeugung: Unsere Traditionen sind unsere Stärken.
Schauen Sie sich um. Die vielen Menschen mit ihren Trachten. Wunderbar. Das Rütli ist kein Freilichtmuseum. Es ist ein Erinnerungsort. Das Rütli erinnert uns daran, dass die direkte Demokratie keine Bequemlichkeit ist. Diese verlangt Einsatz, Verantwortung und Geduld.
Der Föderalismus mag gelegentlich kompliziert erscheinen. Aber er ist weit mehr als das. Er bringt die Politik näher zu den Menschen. Und er zwingt uns, unterschiedliche Lösungen und unterschiedliche Wege zuzulassen.
Auch der Kompromiss ist kein Zeichen von Schwäche. Im Gegenteil. Er steht für die Fähigkeit, trotz unterschiedlicher Meinungen gemeinsam weiterzugehen. Der Kompromiss ist eine zivilisierte Art, den Zusammenhalt unseres Landes immer wieder neu zu schaffen.
In einer sich rasant verändernden Welt brauchen wir Werte, die Bestand haben. Werte, die uns Orientierung und Halt geben. Hier am Rütli wissen wir, dass Treuebekenntnisse es uns ermöglichen, unseren eigenen Weg zu gehen.
Meine Damen und Herren,
Die Schweiz wurde nicht in Palästen geboren; sie entstand symbolisch und bescheiden hier. An genau diesem Ort. Auf einer Wiese. Hier beschlossen Menschen unterschiedlichster Herkunft, dass sie gemeinsam stärker sein würden als allein.
Diese Idee hallt hier am Rütli mit besonderer Würde nach. Sie hat nichts von ihrer Kraft verloren. Sie verpflichtet uns. Sie erinnert uns daran: Die Schweiz ist nicht nur ein Erbe, das wir bewundern dürfen. Sie ist eine Verantwortung, die wir übernehmen müssen. Jeden Tag. Und jede Generation aufs Neue. Egal welche Kleider sie tragen. Ob Tracht, Anzug, kurze Hosen oder rote Baseball-Kappe.
Feiern wir deshalb unser Land mit Freude, aber auch mit Dankbarkeit. Seien wir stolz auf diese freie, föderalistische, unabhängige, mutige und besonnene Schweiz.
Im Namen des Bundesrats wünsche ich Ihnen einen schönen Nationalfeiertag.
Es leben unsere Gemeinden, es leben unsere Kantone, und es lebe die Schweiz!